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Prima Donna

Prima Donna

PRIMA DONNA

– unreitbar sieht anders aus.

Im Sommer 2015 saßen wir in gemütlicher Runde am Stall und grillten. Unsere Tierärztin kam auf den Hof, um ein paar Routineuntersuchungen bei zwei Pferden zu machen. Anschließend setzte sie sich zu uns und fragte unseren Anlagenbetreiber, ob er nicht noch ein Schulpferd bräuchte, es gäbe nur ein Manko: sie hätte einen schlimmen Sturz mit einem Hocker gehabt, deswegen könnte man nicht mehr so gut auf sie aufsteigen. Mehr Informationen hätte sie zu der Stute nicht, außer, dass es noch ein altes YouTube Video von ihr als 4jährige gäbe. Mittlerweile wäre sie 6 Jahre alt. Sie müsste jedoch bis Ende des Monats „weg“- wir alle wissen, was das heißt, aber keiner, auch nicht die damalige Besitzerin, würde das so konkret aussprechen.
Diese Stute war unsere Donna.

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Mama und ich sahen uns das Video von der „kleinen“ Maus an, die 4-jährig schon so entspannt und taktrein ihre Runden lief. Wir verliebten uns sofort. Wir wussten nicht, was hat sie erlebt, in was für einem Zustand ist sie, aber wir dachten, eine kleine Aufstiegproblematik bekommen wir mit viel Ruhe, Zeit und Geduld in den Griff. Selbst wenn es nicht klappen sollte, hätte Donna ein schönes Leben bei uns. Wir riefen Papa an, erklärten ihm die Situation und er war ohne zu Zögern dabei. Ein Pferdeleben 6-jährig aufzugeben wäre nicht fair! Wir riefen die Besitzerin an, die alles andere als freundlich oder kooperativ war, aber sie wollte Donna einfach nicht mehr bei sich haben. Wir kauften Donna noch am Telefon. Ein paar Tage später war es endlich soweit- Prima Donna sollte bei uns einziehen. Wir fuhren zum Hof, wo sie stand. Eine kugelrunde Fuchsstute, die mit zersauster Mähne auf der Koppel stand, begrüßte uns gleich freundlich. Man MUSS sie einfach lieben. Wir durften sie ein paar Runden in der Halle laufen lassen, umzu sehen, dass auch alle vier Beine funktionierten. Eine nette Frau, die Donna ab und zu mit geritten ist, erklärte uns, ihre Problematik beim Aufsteigen: sie hielt nicht still, das Bein durfte nicht an den Bauch, die Zügel mussten durchhängen, es ging nur zu zweit, wenn einer sie unten festhält und stieg man in einem unpassenden Moment auf, bockte sie so lange, bis man unten liegt. Akzeptierte sie es, lief Donna los, als wäre nie was gewesen. Wir wussten, irgendwas stimmt nicht und irgendwer erzählt nur die halbe Wahrheit.

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Bei uns angekommen, genoss Donna erstmal die Freiheit einfach nur Pferd zu sein. Ab auf die Koppel und das volle Wellness-Programm genießen. Ein neuer Sommerhaarschnitt, gegenseitige Fellpflege, neue Hufeisen und ein Besuch beim Zahnarzt stand an. Die Worte unserer Zahnärztin ließen uns erstarren: „Die muss jemand gewaltig angepackt oder festgehalten haben. Links und rechts hat sie Überbeine an den Laden.“ Durch ein scharfes Gebiss? Durch harte Einwirkung? Wir wissen es nicht.

Dezember – Frankfurter Festhalle. Wie jedes Jahr besuchten Mama und ich das Frankfurter Festhallen Turnier und natürlich auch die Shopping-Area. Am Stand vom Gestüt Peterhof sahen wir Bilder vom Hengst „Florett As“, ich guckte Mama an und sagte: „Mama das ist Donnas Papa“. Und schon drehte sich ein junger Herr um und fragte: „Donna? Prima Donna? Ist sie bei Ihnen?“. Damit hätten wir nicht gerechnet.  Donna gehörte dem Gestüt und kam als Fohlen zur Aufzucht. Der Aufzüchter konnte sich den Unterhalt der Pferde nicht mehr leisten und die Jungpferde verwahrlosten- wurden zu Wildpferden. Ein Drama begann. Man versuchte die Pferde einzufangen und woanders unter zu bringen. Prima Donna und ihre besten Freundin bzw. Halbschwester, gehörten zu diesen Wildpferden. Milles Fleur und Donna waren unzertrennlich, aber sie ließen sich nicht einfangen, geschweige denn anfassen. Eine grausame Vorstellung. Es dauerte Tage bis Helfer Donna und ihre Freundin mit Futter zu sich locken konnten und eingefangen haben. Die beiden kamen zu einer liebevollen Aufzüchter Familie. Dort ging es Donna und Milles Fleur gut. Endlich. 3-jährig wurden  Donna und ihre Freundin langsam an Sattel und Longe gewöhnt, 4-jährig angeritten. Nun ging es Berg auf- dachte man zumindest.

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Milles Fleur & Prima Donna // Quelle: http://www.gestuet-perterhof.de //

Donna hatte wohl schon immer Schwierigkeiten beim Aufsteigen und so wurde sie laut unseren Informationen nur mit Schutzvertrag verkauft. Die Bedingung war, dass Donna niemals weiter verkauft werden darf, sondern wieder in den Besitzt des Peterhofs gehen sollte. Das passierte aber nie. Donna wurde einfach verkauft. Laut unseren Recherchen ging Donna in 1,5 Jahren in 6-7 verschiedene Hände. Einige Versuche als Reitpferd, andere als Zuchtstute.

Es war mittlerweile Frühling. Über den Winter hat Mama viel Boden- und Vertrauensarbeit mit Donna gemacht, einen Hocker zum Aufsteigen nahm sie dabei mit in ihr Training auf. Der Moment war gekommen, wo wir testen wollten, ob ich mich über Donnas Rücken legen kann. Sie zierte sich etwas vor dem Hocker, es dauerte bestimmt 15-20 Minuten, aber ich konnte mich über sie legen. So trainierten wir. Versuchten ihr die Angst zu nehmen. Ich durfte nicht ihre Kruppe mit meinem Bein berühren, ich durfte nicht vorsichtig ihre Schulter klopfen, ich durfte nicht meine Jacke auf ihr Ausziehen- alles Gründe wildbockend los zu schießen und mich in den Dreck zu setzen. Was muss sie nur alles erlebt haben? Aber ich konnte reiten- es dauerte mal 20 Minuten, mal nur 2 Minuten bis ich aufsteigen konnte, aber Donna bekam alle Zeit der Welt. Mama stand neben ihrem Kopf, eine Longe in der Hand, redete mit ihr und beruhigte sie. Nach 1-2 Runden im Schritt schnaubte sie ab, als wäre nie was gewesen und wir machten die Longe von ihr los. Vom Feeling ist Donna ein perfektes Pferd für Mama und ihre Behinderung. Weich. Fein. Unerschrocken. Donna wäre ein prima Pferd für den Parasport. Das mag sich widersprüchlich anhören, aber sie ist so nervenstark, so abgeklärt, so neugierig – wäre das Problem mit dem Aufsteigen nicht. Sitzt man erst einmal auf ihr, ist sie ein anderes Pferd. Wir gingen ins Gelände, überwanden die erste Springstunde und übten schon die ersten Lektionen. Alles stressfrei, alles spielerisch. Immer wieder langer Zügel und Entspannung. Loben mit der Stimme.

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Irgendwann erreichte uns ein Anruf eines bekannten, renommierten Dressurstalls bei uns in der Nähe: wir sollen bestätigen, dass wir Donna nur als Zuchtstute oder Schlachtpferd gekauft hätten, sonst müsse der Anlagen Besitzer des Dressurstalls „Nacherfüllung“ in einer Summe von mehreren tausend Euro bezahlen. Wir könnten ihm Donna aber auch „zurück“ geben und dürften uns ein anderes Pferd aussuchen. Wir unterschrieben NICHT. Donna bleibt bei uns und wir setzen noch einen drauf! Bernd Hackl erklärte sich bereit uns zu helfen, als er die Geschichte von Donna erfuhr. Ja, Donna wird Fernsehstar!

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Horsemanship pur durften wir bei Bernd Hackl und seinem Freund Alex Madl auf der MRanch erleben! Bernd nahm sich Donna an und wir durften einige Monate mit Donna und ihm trainieren. Desensibilisierung war das Hauptaugenmerk. Ziel war es, dass selbst Mama irgendwann auf sie aufsteigen kann. Bernd arbeitet so konsequent und durchdacht. Einige Tricks konnte ich mitnehmen für zu Hause. Auch unsere Dressurpferde werden am Boden und an der Longe gearbeitet. Es gibt im Reitsport kein richtig oder falsch, kein schwarz oder weiß. So viel habe ich gelernt. Es ist wie mit Äpfeln und Birnen, irgendwo ist beides Obst, wir müssen nur unseren eigenen Obstsalat mixen.

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HEUTE – es kam die Zeit in meinem Studium, wo ich in der Klausurenphase einfach keine Zeit für drei Pferde hatte. Eins war fast schon zu viel. Also brauchten Mama und ich Unterstützung. Ein liebes Mädchen bei uns am Stall half uns. Franzi nahm sich Donna an. Die beiden sind einfach füreinander bestimmt. So kam es, dass ich Donna nach den Klausuren immer seltener Ritt, ich habe Franz viel lieber dabei zugesehen, wie sie mit ihr arbeitete. Man muss manchmal ehrlich zu sich selbst sein. Die beiden waren ein Team und da wollte ich bestimmt nicht stören. Mama reitet Donna mittlerweile auch und das klappt richtig gut. Wir geben nicht auf, dass sie vielleicht einmal im Parasport läuft. Ihr ersten Turniere sind Franzi und Donna schon gegangen. In jeder A-Dressur war ein Schleifchen sicher und die ersten L-Dressuren wurden positiv mit 6er Noten vermerkt.

Kein Pferd hat es verdient aufgegeben zu werden. Noch viel schöner ist, zeigen zu können, was Zeit, viel Ruhe und Geduld  ausmacht!



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