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Pferde sind Mamas Theraphie

Pferde sind Mamas Theraphie

„PFERDE SIND MAMAS THERAPIE“

Immer wieder werde ich gefragt: „Was hat deine Mama? Sie sieht doch ganz normal aus.“ Eine Frage, die ich euch gerne ausführlich beantworten möchte:

Mein Bruder war sechs, ich zwölf Jahre alt , als unsere Mama erkrankte. Was sie hatte, wusste keiner. Sie nahm ab, konnte nicht reden, nicht schlucken, nicht essen. Manchmal lag sie einfach nur da, auf der Couch, im Wohnzimmer, den ganzen Tag. Sie war kraftlos. Ausgelaugt. Keine Kraft mehr für ihr Geschäft. Keine Kraft mehr für die Familie. Keine Kraft mehr im eigenen Körper.

Eine schwierige Zeit begann, erzählen kann ich sie nur aus meiner Sicht. Als pubertärer Teenie nimmt man nicht alles wahr, erst Recht nicht, wenn man in so einer Phase gerne im Mittelpunkt steht. Es war schwierig für mich, zu verstehen, was Mama hat, wieso es ihr nicht gut geht. Unsere Eltern versuchten uns immer zu beschützen und uns so gut es ging außen vor zu lassen, damit wir nicht ganz so viel von Mamas kritischem Gesundheitszustand mitbekamen. Ich musste nun Verantwortung übernehmen, für mich und meinen Bruder, ich bin die Ältere, also muss ich stark sein.

Einige Monate, einige Behandlungen und einige Kliniken später kam endlich die Diagnose: „Myasthenia Gravis“, einer belastungsabhängigen Muskelschwäche. Unter Belastung verschlechtert sich das Krankheitsbild und führt zu Muskelausfällen und Lähmungserscheinungen. Selbst beim Schlucken und Reden braucht man Muskeln, das Herz ist ein Muskel. Und jetzt?

Ich weiß noch, dass Mama ab und zu anders aussah. So aufgedunsen im Gesicht. Sie erklärte mir, dass sie nun ein Medikament nehmen würde, damit es ihr besser geht. Kortison. Und noch viele andere Tabletten, auf die sie mehrmals am Tag angewiesen ist.

Als es Mama wieder etwas besser ging und sie gerade wieder anfing laufen zu können, ging ihr direkter Weg in den Stall. Ich sage immer: „Pferde sind Mamas Therapie“. Da sie nicht so gut laufen konnte, musste das der sanftmütige Vierbeiner unter ihr für sie übernehmen- unser Eric. Eric war unser erstes eigenes Pferd. Gott, was hat er mich ab und zu verarscht! Ändert aber nichts an der Tatsache, dass er zu einem anderen Pferd wurde, als Mama sich das erste mal auf ihn legte. Er passte bei jedem Schritt auf sie auf. Sitzen war noch schwierig für Mama, die Kraft hatte sie nicht, aber liegen ging. Auf dem warmen Pferderücken. Einfach die Bewegung fühlen. Wir funktionierten unser eigentliches Turnierpferd zum Therapiepferd um. Mama und Eric machten ab nun gemeinsam „Hippotherapie“. Putzen und Satteln schaffte Mama noch nicht, also mussten unsere lieben Stallkollegen helfen oder eben ich. Komisch, wenn man auf einmal für die Mama das Pferd fertig macht und nicht umgekehrt. Meine Mutter half mir immer am Stall, nun musste ich ihr helfen.

2007 – ein Jahr später konnte Mama schon wieder richtig reiten. Dank guter Ärzte und ihrem unbändigen Ehrgeiz konnte sie an ihrem ersten integrativen Turnier teilnehmen. Integrativ bedeutet, dass sowohl „normale“ als auch „gehandicapte“ Reiter an diesem Turnier starten dürfen.

Sie war also jetzt offiziell behindert. Meine Mutter. Dabei habe ich mir behinderte Menschen doch immer anders vorgestellt. Es muss ihnen doch ein Arm oder ein Bein fehlen. Sie müssen doch anders im Kopf sein als wir. Eins habe ich festgestellt: meistens sind wir „normalen“ Menschen „anders“ im Kopf und nicht Behinderte. Bei dem integrativen Turnier, saßen wir am Abend alle gemütlich beieinander. Ich flüsterte meiner Mutter immer wieder ins Ohr: „Was hat die? Und was hat die? Wie kann die jetzt noch reiten?“ Irgendwann sah meine Mama mir tief in die Augen und sagte: „Mareike, wenn du irgendwas wissen willst, sprich die Leute an- frag sie!“. „Jaaaa naaa klaaar Mama, ich geh zu den Leuten und frage, wieso sie behindert sind“, dachte ich mir. Mittlerweile habe ich gelernt zu fragen, höre berührende und großartige Geschichten. Tränen sind schon einige geflossen.  Man lernt die eigenen Schicksalsschläge und die der anderen zu verarbeiten, aber man bekommt auch Mut, dass es immer weiter geht. Egal wie schlimm es ist. Man lernt dankbar zu sein. Für jeden Tag. Für jede Sekunde. Für jeden Moment.

2011- deutsche Meisterschaften der Para-Equestrians. Ein 3. Platz für meine Mutter. Bronzemedaille. Man muss dazu sagen, im Parasport gibt es entsprechend für die Art der Behinderung verschiedene Grades. Mama ist in Grade II. Ihr Aufgaben befinden sich auf einem A-/L-Niveau ohne Galopp. Zum Reiten stehen ihr verschiedene Hilfsmittel, sogenannte kompensatorische Hilfsmittel, zur Verfügung. Sie darf mit zwei Gerten reiten, darf ihre Stimme benutzen und hat bestimmte Bügel, mit einem Gummizug an der Ferse, damit sie nicht aus dem Bügel rutscht. Die Kraft sich selbststänig und stabil im Bügel zu halten fehlt ihr bis heute. Diese Kraft oder Balance wird sie auch nie wieder erlangen. Myasthenie ist ein Teufelskreislauf. Je mehr Mama ihre Muskeln beansprucht, desto mehr nimmt ihre Kraft ab. Ruht sie sich einige Zeit aus, kommt ihre Muskelkraft wieder, wie ein Akku beim Aufladen. So kann man sich das vorstellen. Neue Muskulatur oder Kondition aufzubauen ist nicht möglich. Deswegen nimmt Mama bei langen Strecken ihren Rollstuhl oder stützt sich mit ihren Krücken.

HEUTE – sind wir ein unschlagbares TEAM! Wir verstehen uns blind. Meine Mutter ist meine beste Freundin, größte Kritikerin und Fan zugleich. Wir schaffen alles. Gemeinsam. Mit unseren Pferden. Denn die sind zu unserem Lebensinhalt geworden. Sie gehören zur Familie und sie sind Mamas Therapie.

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