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Die Kraft der Pferde

Die Kraft der Pferde

Shitty day go away! Wer kennt so Tage nicht? Alles was man in die Hand nimmt, fällt runter. Jede Bettkante, jeder Tisch und alles was auf Höhe des Ellenbogens angebracht ist, zieht man magisch an. Das Handy hat jetzt eine “Spiderman”-App und das Shirt wird auf links getragen. Großartig!

Zum Glück besitze ich eine große Menge Humor und Selbstironie. Man darf sich auf so ätzende Tage nicht einlassen. Einfacher gesagt als getan und mir gelang es am diesem besagten Tag eher schlecht als recht. Fluchen hilft. Fluchen hilft immer. Meistens fühle ich mich danach besser und die schief gegangenen Situationen sind vergessen. Aber nicht heute. Nicht an diesem ätzenden, regnerischen, doofen, blöden und alle jugendfreien Schimpfwörter die mir noch so einfallen Mist-Tag!

Ich fuhr gegen Nachmittag an den Stall. Die “gute-Laune-Musik” in meinem Auto half mir nicht wirklich, dass sich meine Mundwinkel auch nur marginal nach oben bewegten. Selbst als mich in der Stallgasse das zuckersüße Brummeln von Donna & Khazzou herzlich begrüßte, hatte ich immer noch Bauchschmerzen. Ich bin so ein Bauchmensch. Habe ich Stress = mir tut der Bauch weh. Ärgere ich mich = mir tut der Bauch weh. Bin ich aufgeregt = mir tut der Bauch weh. Früher hätte ich mich wahrscheinlich nicht auf Khazzous Rücken geschwungen, weil Pferde unsere Spiegelbilder sind. Sie merken, wenn wir wütend und unkonzentriert sind. Dann funktioniert nämlich gar nichts mehr. Ich glaube das Einzige was dann nur noch geholfen hätte, wäre eine riesige Portion Essen vom Asia Imbiss und eine große Flasche Wein.

Ich versuche mich immer selbst auszutricksen und mir zu denken: “Ach soooo schlimm war der Tag doch gar nicht, es kann nur noch besser werden.” Manchmal klappt es, manchmal fällt mein Handy zum zweiten Mal auf den Boden, sodass man mittlerweile das Innenleben erkennt. Ich machte also Khazzou fertig und wir gingen auf unseren großen Außenplatz. Wir liefen eine Weile Schritt, während ich mich innerlich über meinen misslungenen Tag aufregte. Die Sonne schien. Ich nahm die Zügel auf. Atmete tief ein und aus und Khazzou machte witzigerweise das Gleiche. Er atmete richtig tief ein und aus. Ich schmunzelte. Wie war das nochmal? Pferde sind unsere Spiegelbilder? Definitiv!

Wir hatten ein wunderbares und effektives Training. Ich hatte das Gefühl Khazzou wollte mir unbedingt gefallen. Er gab sich größte Mühe auch bei schwierigen Lektionen. Wir tanzten. Gemeinsam. Bestimmt eine Stunde lang. Ohne dass wir beide großartig außer Atem waren. Ich lobte ihn tausend mal, legte die Zügel auf den Hals und umarmte ihn. Danke großer Freund! Als wir am langen Zügel noch ein paar Runden um den Platz schlenderten, machte ich mir Gedanken darüber, was Menschen machen, die kein Pferd haben. Die haben vielleicht einen Hund oder eine Katze, für die sie so empfinden, wie ich für Khazzou. Oder machen Sport im Fitnessstudio, gehen laufen im Wald oder machen Yoga zur Stressbewältigung. Aber ich habe an diesem Tag die Kraft der Pferde gespürt. Die bedingungslose Liebe. Es sind Partner, die uns begleiten, die wir begleiten, an guten wie an schlechten Tagen. Immer. Im besten Fall ihr Leben lang.

An diesem Tag, der mittlerweile kein misslungener Tag mehr war, sondern ein wunderschöner Herbsttag am Stall, wurde mir bewusst, wie sehr ich diesen Sport doch liebe. Es ist nämlich nicht nur Sport. Es ist alles drum herum. Das Kümmern, Kuscheln, Putzen, Füttern. Wenn ich Richtung Stall laufe, ist es wie Urlaub. Es ist wie tief Luft holen zu können. Es ist den Kopf frei zu haben. Es ist die Kraft der Pferde.